GEBILDET: Was man wissen muss

„Ich wünschte recht gelehrt zu werden, und möchte gern, was auf der Erden und in dem Himmel ist, erfassen, die Wissenschaft und die Natur.

Kommen dir diese Zeilen bekannt vor? Kannst du Autor und Werk zuordnen? Und wie fühlst du dich dabei? Stolz es zu wissen oder stolz es nicht zu wissen? Peinlich berührt oder desinteressiert?

Heute wird’s spannend hier, denn ich versuche Teile meiner Dissertation auf einen Blogartikel herunterzubrechen. Weil ich nach wie vor erfahre, wie bedeutend das Thema ‚Gebildet sein‘ für jeden von uns ist.

Die obigen Zeilen sind über 200 Jahre alt und ja, vielleicht klingen sie verstaubt für dich. Ihr Inhalt scheint aber aktueller denn je: Wir möchten gebildet sein, Dinge „erfassen“ können.

Trotz – oder eben gerade weil – wir jederzeit sämtliche Informationen im Internet abrufen können, scheint uns eine gewisse Macht- und Orientierungslosigkeit zu beschleichen. Eine Sehnsucht nach Struktur, Verständlichkeit und Klarheit größer zu werden.

Fühlst du dich auch manchmal überfordert? Schaltest ab, weil dir ein Thema zu komplex erscheint / dir der Überblick fehlt?

Keine Sorge, damit bist du nicht allein. Immer häufiger ist die Rede von Beliebigkeit, Überforderung, Unübersichtlichkeit und Intransparenz.

Was zu wissen ist wichtig?

Wie also kannst du den Überblick behalten? Was zu wissen ist wichtig und was kannst du getrost ausblenden?

In meiner Dissertation habe ich deutsche Printmedien zu diesem Thema durchforstet. Auch Bestseller, wie bspw. „Bildung. Alles, was man wissen muss“ oder den „ZEIT-Bildungskanon“, Interviews, PISA-Ergebnisse, Umfragen und Tweets (z.B. der von Naina „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen“) und die daran anschließenden Diskussionen analysiert.

Interessant daran war vor allem, mit welch dramatischer Sprache (Informationsflut, Wissensexplosion, Bildungskatastrophe, Müllhalde oder Urwald an Wissen etc.) gesprochen und wie häufig und dringlich mehr Orientierungshilfe gefordert wird.

Dabei wurde erst wenige Jahre zuvor ein Kanon (also quasi eine festgeschriebene Sammlung von Inhalten, die einen ‚gebildet machen‘) verpönt, allzu starre Vorgaben aus den Bildungsplänen gelöscht und mehr Freiheit gefordert. Was wollen wir denn nun?

Gebildet Wissen ist Macht

Erwartest du insgeheim von mir hier nun auch eine Liste und wenn du die durch hast, zählst du als gebildet?

Sorry, so einfach geht das heutzutage nicht mehr. Aber ich denke, ich kann dir dennoch helfen.

Ich habe dir im Folgenden zusammengefasst, um was es in Büchern mit dem Thema „Was zu wissen wichtig ist“ geht. Kann dich dadurch vielleicht zum Weiterlesen  und -denken animieren.

Und ich kann natürlich aufklären, dass das Anfangszitat aus Goethes Faust stammt. 😉

Gebildet durch moderne Bildungskanons?

Schwanitz skizziert – ähnlich wie die meisten Bücher dieser Art – in seinem Bestseller Bildung. Alles, was man wissen muss nach Epochen gegliedert die wichtigsten Eckpunkte der Geschichte, Kunst, Musik und Literatur. Wichtige Theorien werden kurz erklärt, große Philosophen vorgestellt…

Willst du mehr zu einer Rubrik erfahren, findest du auch jede Menge speziellere Bücher: Im Falle der Literatur bspw. eine Sammlung deutschsprachiger Texte, gegliedert nach Romanen, Erzählungen, Dramen, Gedichten und Essays in Marcel Reich-Ranickis Der Kanon. 

Oder (wenn du auch diese lieber kurz zusammengefasst haben möchtest) in ‚Bücher. Alles, was man lesen muss‘ Christiane Zschirnt. Dort findest du nach Themen geordnet auf jeweils zwei bis drei Seiten Buchzusammenfassungen von der Bibel über Shakespeare bis zu Harry Potter.

Ernst Peter Fischers ‚Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte‘ und Bill Brysons ‚Eine kurze Geschichte von fast allem‘ vermitteln Naturwissenschaften auf unterhaltsame Art, bspw. in Sinnabschnitten wie Der Kosmos und seine Grenzen.

Im Buch Jonathan Byrons Bildungsnavigator wirst du durch eine virtuelle Stadt der Bildung, die „Piazza Europa“, geführt und bekommst bspw. anhand eines italienischen Stadtviertels die Geschichte Europas erzählt.

Gebildet Simmel

All diese Bücher eint, dass sie keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Im Gegenteil: Sie wollen dir durch exemplarische Geschichten nur einen „Anstoß zum Weiterdenken“ geben, wie es bspw. im ZEIT-Bildungskanon heißt.

Auch das Pendant des Spiegel-Verlages ‚Was wir heute wissen müssen‘ möchte nur „die Vorstellung dessen umreißen, was man heute einen Wissenskanon nennen könnte – anhand von Einzelheiten, die gewiss nur als Beispiele zählen können, aber eben den Schritt über die hoffnungslose Beliebigkeit hinaus bedeuten“ (Mohr et.al. 2011, S.12).

Abschließend sagen, was wichtig zu wissen ist, kann und will heute keiner mehr.

Deshalb findest du auch viele dieser Bücher mit ironischem Unterton, z.B. Weltliteratur für Eilige. Und am Ende sind alle tot, Leibniz war kein Butterkeks, Alles, was eine Frau wissen muss, Das Handbuch für den guten Ehemann, Bildung für alle Lebenslagen. Alles, was man wissen muss, um ein Mann oder eine Frau von Welt zu sein etc.

Jörg von Uthmann meint in Letzterem bspw.: „Wozu die ganze Bildung […] wenn der Gesellschaft die halbe genügt?“ (Uthmann 2004, S.8f.). So entstehen bei ihm Kapitel wie Ausgesetzt auf den Bergen der Literatur. Nur Trottel haben die Bücher, über die sie reden, auch gelesen etc.

Häufig wird in solchen Büchern oder auch bspw. in Wissenssendungen oder Quizshows Infotainment betrieben, also Informationen auf unterhaltsame und meist sehr lukrative Weise an die Menschen gebracht.

Spaßkultur trifft auf Allgemeinbildung, weil diese gefragt ist. Aber mehr als Informationshäppchen oder eine sogenannte Halbbildung bleiben dabei selten hängen. Häufig verstärkt sich dadurch sogar das Gefühl von Unwissenheit und fehlender Bildung.

Deshalb wird im Allgemeinen ein Können viel bedeutsamer als ein Wissen eingeschätzt.

Wissen anwenden Goethe

Bildung über das Wissen hinaus

Zur Bildung gehört weit mehr als Fakten, Informationen oder Wissen.

Doch während du dazu zumindest noch ansatzweise etwas findest (s.o.) ist der anscheinend weit wichtigere Teil, das Können, irgendwie gar nicht zu greifen. Doch ich gebe dir auch hier einen Überblick:

Schwanitz vergleicht bspw. den Begriff „Bildungswissen“ mit einem Schachspiel, welches derjenige gewinnt, der über die bloßen Informationen hinaus den „Mix aus Spielregeln, Informationen und der Übersicht über die Reichweite des Spielfeldes und die Menge und den Wert der Figuren“ beherrscht (vgl. Schwanitz 1999, S.512).

Bildung umfasst die Fähigkeiten, Zusammenhänge zu erfassen, sein Wissen transferieren und anwenden zu können, Umgangsformen zu beherrschen u.v.m.

Das Erlernen von Grundkenntnissen schafft eine notwendige Verständigungsbasis. Doch – ich glaube, es wurde ersichtlich – dann geht es mit dem Gebildet sein erst los.

Gebildet durch Struktur & Orientierungsfähigkeit

Vor allem seit uns durch das World Wide Web Informationen in unendlicher Fülle zur Verfügung stehen, ist das ursprüngliche Verständnis von Bildung als einer Orientierungskompetenz umso entscheidender geworden.

Es geht darum, dass du die richtigen Fragen stellen und effektive Antworten herausfiltern kannst. Einen Überblick hast, um entscheiden und beurteilen zu können. Medien- und Selektionskompetenz, Verwurzelung und Offenheit für Neues mitbringst.

Intelligenz Hawking

Gebildet zu sein bedeutet wandlungsfähig und flexibel zu sein, sich in die Lage anderer versetzen und mit veränderten Situationen umgehen zu können. Dazuzulernen und sich stetig weiterzuentwickeln ist letztlich auch hier der Schlüssel zum Erfolg.

Konkrete Vorgaben, was zu wissen wichtig ist, funktionieren nicht mehr. Eine Liste wäre unendlich und doch falsch, weil sie für jeden anders aussehen müsste. Und v.a. wäre sie ohne ein Erfassen der Zusammenhänge völlig unnütz für den Anspruch gebildet zu sein.

Diese ‚Offenheit‘ soll dich aber nicht untergehen lassen. Im Gegenteil: Sie bietet Platz für mehr Individualität, Freiheit und Entfaltung. Und wenn du möchtest, findest du ja Orientierung in den Bildungsplänen oder modernen Bildungskanons.

Auch hier passt also wunderbar mein Slogan STRUKTUR MIT HERZ. Habe Orientierung für dich. Kläre, was dir wichtig ist, deine Prioritäten. Setze dir Ziele, kommuniziere wertschätzend, lerne dazu, sei offen und kreativ und bedenke:

Fantasie Wissen gebildet Einstein

Viel Erfolg auf deinem Weg wünscht dir,

deine STEPH

PS: Möchtest du meine Dissertation lesen? Sie heißt: „Gebildet. Eine Studie zum Bildungsdiskurs am Beispiel der Kanondebatte.“ Erschienen beim Springer Verlag für Sozialwissenschaften, verfügbar dort, bei Amazon oder über jeden Buchhandel.

Gebildet

Und wenn dir der Artikel bzw. die Sprüche gefallen haben, sei gerne dabei, wenn ich 1x pro Woche einen Impuls per Mail für mehr STRUKTUR MIT HERZ versende:

1x wöchentlich Impuls frei Haus
Marketing von